Digitales Programmheft „Become Ocean“

 

Adams orchestrales Meisterwerk kann als Allegorie auf die Klimakrise interpretiert werden, zugleich ist es eine kraftvolle Meditation über Tiefe, Turbulenzen, unheimliche Stille und letztendliche Ruhe.

Für LEE\VAKULYA drückt sich in dem Stück aber auch die Schönheit in der Zirkularität des Lebens aus.
Sie fühlen sich von der anmutigen Balance der Natur angezogen, die Leben schenkt und es mit ihrer gewaltigen Kraft auch wieder nehmen kann – und uns letztlich zu unserem Ursprung zurückführt.

Tanz und Musik wechseln zwischen Harmonie und Dissonanz, zwischen der sanften, fließenden Zartheit des Wassers und der intensiven, steinspaltenden Spannung des Eises.

(c) Andreas Etter
(c) Andreas Etter _ Anthony Michael Pucci
(c) Andreas Etter _ Ramon John, Sayaka Kado

Dramaturgentext

Ein sinnliches Eintauchen

„Listening to it, we become ocean.“

Dieses Zitat stammt aus dem mesostischen Gedicht Many Happy Returns des Komponisten John Cage, verfasst in den späten 1970er Jahren. Cage widmete es seinem Freund und Kollegen Lou Harrison und schrieb über dessen Musik: „Beim Zuhören würden wir selbst zu einem Ozean.“ Diese Vorstellung faszinierte John Luther Adams, Harrisons Schüler, so sehr, dass er sie als Titel für eines seiner bedeutendsten Orchesterwerke wählte: Become Ocean, 2013 vollendet. Auf Anregung des Seattle Symphony Orchestra unter der Leitung von Ludovic Morlot entstand die Komposition, die von der Weite und Dynamik des Meeres inspiriert ist. Ihre wellenartigen, fließenden Strukturen spiegeln sowohl die sanfte Ruhe als auch die unaufhaltsame Kraft der Natur wider.

John Luther Adams wurde 1953 in Mississippi geboren. Schon früh prägte ihn die Natur, und sein Umzug nach Alaska in den 1970er Jahren verstärkte diese Verbindung. Die Landschaft des pazifischen Nordwestens – Licht, Weite, Klima – spiegelt sich in Adams’ musikalischer Sprache wider. Diese zeichnet sich durch eine Kombination aus Minimal Music, subtilen Texturen, langsamen Harmonien und räumlicher Klanggestaltung aus. Adams schöpft seine stärksten Einflüsse aus der amerikanischen Avantgarde der Nachkriegszeit, darunter Komponisten wie John Cage und Morton Feldman. Wie diese interessiert er sich besonders für Fluidität – das Verschmelzen von Klang, Raum und Umgebung. Become Ocean erzeugt ein immersives Erlebnis, das das Publikum in die Weite des Meeres eintauchen lässt. Für diese Komposition erhielt Adams 2014 den Pulitzer-Preis für Musik sowie einen Grammy Award in der Kategorie Komposition.

Doch Adams’ Musik ist mehr als ein ästhetisches Erlebnis. Sie thematisiert die tiefere Verbindung zwischen Mensch und Natur. In den Notizen zur Partitur von Become Ocean schreibt Adams: „Das Leben auf dieser Erde entstand aus dem Meer. Während das Polareis schmilzt und der Meeresspiegel steigt, stehen wir Menschen vor der Aussicht, dass wir buchstäblich wieder zu Ozean werden.“ Das epochemachende Musikstück kann daher als Meditation über die Klimakrise gelesen werden – über Tiefe, Turbulenzen, Stille und letztendliche Ruhe.

Aus dieser atmosphärisch dichten Klanglandschaft entwickelt das choreografische Duo LEE\VAKULYA eine gleichnamige Neukreation für das Hessische Staatsballett. Die beiden Choreograf:innen fühlen sich von der anmutigen Balance der Natur angezogen, die Leben schenkt und es mit ihrer gewaltigen Kraft auch wieder nehmen kann. Ihre Choreografie übersetzt die musikalische Struktur Adams’ in eine umfassende Komposition von Körper, Technik und Raum.

Ein Prolog der Sounddesignerin Fanny Thollot stimmt das Publikum zunächst sinnlich auf die bevorstehende Klangreise ein. Dann entfaltet sich die Musik: Wellenartige Bewegungen, dramatische Höhepunkte, ruhige Passagen – und LEE\VAKULYA übertragen all dies auf die Körper der zwölf Tänzer:innen. Die Choreografie folgt dem Prinzip der Wiederkehr: Bewegungen entstehen, lösen sich auf und tauchen in veränderter Form erneut auf. Sanfte, fließende Sequenzen kontrastieren mit kraftvollen, spannungsgeladenen Momenten. Soli verschmelzen mit Gruppenformationen, sodass die Tänzer:innen zwischen Individualität und Kollektiv wechseln – ein Spiegelbild der Dynamik von Nähe, Abhängigkeit und Wandel. Die Körper wirken dabei wie lebendige Bestandteile des Bühnenraums, der selbst in Bewegung versetzt wird. So entsteht eine Gesamtkomposition, in der Tanz, Musik und Raum miteinander verschmelzen.

Das Bühnenbild von Yoko Seyama ist flexibel und dynamisch: Statt fester Kulissen schafft die japanische Künstlerin eine große, bewegliche Installation aus leichten Materialien, die Interaktionsmomente mit den Tänzer:innen erzeugt. Sie erhebt sich langsam, evoziert Strömungen, Wellen und die fortwährende Dynamik des Ozeans. Das Lichtdesign der Taiwanesin Joanne Shyue verstärkt diese Wirkung: Bewegte Lichtreflexionen erinnern an Sonnenlichter unter Wasser. Die Bühne wirkt fließend und offen, die Grenzen zwischen Raum, Tänzer:innen und Publikum lösen sich auf. Die Orchestermusiker:innen sind transparent auf der Bühne platziert, sodass akustische und körperliche Ebenen über die live gespielte Musik zu einer Einheit verschmelzen.

Die Kostüme des in Berlin lebenden taiwanesischen Designers Damur Huang transportieren die Qualitäten von Wasser in Form, Struktur und Material. Jedes Kostüm ist ein Unikat, das die individuellen Besonderheiten der Tänzer:innen aufnimmt, die kreisenden und fließenden Bewegungen unterstützt und die körperliche Erfahrung der Choreografie intensiviert.

LEE\VAKULYA zeigen in Become Ocean, dass Tanz nicht nur Musik illustriert, sondern eine eigenständige Dimension von Rhythmus, Raum und Volumen erschafft. Die Bühne wird zu einem organischen, atmenden Körper, der in ständiger Bewegung ist. Körper, Licht, Bühne und Klang verschmelzen zu einem Ganzen – einer poetischen Allegorie auf die Natur, ihre Schönheit, ihre Gewalt und die unaufhaltsame Zirkularität des Lebens. Wie der Ozean selbst nimmt das Werk das Publikum mit auf eine Reise zwischen Harmonie und Dissonanz, zwischen innerer Ruhe und kraftvoller Dynamik – ein sinnliches Eintauchen in Klang, Bewegung und Raum.

von Lucas Herrmann

Biografien

LEE\VAKULYA

LEE\VAKULYA sind die taiwanesische Tänzerin und Choreografin Chen-Wei Lee und der ungarische Tänzer und Choreograf Zoltán Vakulya. Das in Brüssel ansässige Duo arbeitet seit 2016 zusammen an Bühnenproduktionen, Ausstellungen sowie Performances und gehört zu den aufstrebenden Stimmen in der zeitgenössischen Tanzwelt. Lee tanzte mit vielen renommierten Kompanien, darunter Peeping Tom, GöteborgsOperans Danskompani, Tanztheater Wuppertal Pina Bausch, und von 2009 bis 2014 bei der Batsheva Dance Company. Vakulya kollaborierte neben seiner Tätigkeit als freier Choreograf mit so unterschiedlichen Künstler:innen wie HODWORKS, Mal Pelo, Wim Vandekeybus, David Zambrano, Albert Quesada oder Vera Tussing. Die Arbeit von LEE\VAKULYA zeichnet sich durch eine fließende und zugleich präzise physische Herangehensweise aus, die die Grenzen des Körpers herausfordert und in ihren Bühnenarbeiten oft verschiedene Kompositionsstrategien miteinander verknüpft. Beim Hessischen Staatsballett liefen als Gastspiele 2022 ihr gefeiertes Duett Together Alone in Darmstadt und 2023 in Wiesbaden die Deutschland-Premiere von Burnt [the eternal long now] im Rahmen des Tanzfestivals Rhein-Main. Für ihre Arbeiten wurden beide Choreograf:innen mehrfach ausgezeichnet, so u. a. mit dem Jeon Mak Arts Award 2017 (Südkorea), TECO Award for the Art of Dance 2020 (Taiwan) oder Taishin Performing Arts Award 2023 (Taiwan).

(c) ArtisTree

Yoko Seyama

Die in Berlin lebende japanische Szenografin und Multimedia-Künstlerin Yoko Seyama hat sich auf Kunst in Bezug zu Zeit und Raum spezialisiert und kommt aus den Bereichen Architektur und Tanz. In ihren Arbeiten kombiniert sie digitale Elemente mit natürlichen Materialien und verwandelt sie in sich verändernde Räume in öffentlichen Räumen, Theatern, Museen und Galerien. Für die darstellenden Künste hat sie ihre einzigartige Bühnenbilder für Tanz, Ballett, Musicals, Opern und Konzerte in Zusammenarbeit mit zahlreichen Partnern geschaffen, darunter Mémoires d’Oubliettes mit Jiří Kylián am NDT, im Berliner Friedrichstadt-Palast GRAND SHOW 23 mit dem Staatsballett Berlin, mit dem Leipziger Ballett Der Nussknacker, am dem Grand Theatre Łódź Die Fledermaus mit Giorgio Madia, an der Astana Opera Cinderella mit Raimondo Rebeck, am Theatre of Musical Comedy St Petersburg Miss Saigon und Zirkusprinzessin, mit der National Dance Company Wales UK mit Felnando Melo, dem Les Grands Ballets Canadiens de Montréal, der Compañía Nacional de Danza und New National Ballet of Japan. Sie arbeitete an der Eröffnungsfeier der EXPO 2025 in Osaka Japan und 2023/24 beim Naniwa Danshi Concert mit Takeatsu Nashimoto. Ihre Installationen wurden weltweit im Zentrum für Internationale Lichtkunst (DE), Borås Art Museum (SE), Museo della luce (Rom), Wood Street Galleries (Pittsburgh), SonicActsXIII (NL), Echigo-Tsumari Art Triennale (JP), Bangkok Citycity Gallery, MAIIAM (TH) und vielen anderen ausgestellt. Sie hat einen MA in Kunstwissenschaft von der Royal Academy of Art in Den Haag und einen BA in Architektur von der Musashino Art University in Tokio. Sie erhielt ein Stipendium der Pola Art Foundation (JP), einen Lighting Design Award 2023 und eine Nominierung für die 22. Hong Kong Dance Awards.

(c) Joanne Shyue

Joanne Shyue

Joanne Shyue ist Lichtdesignerin und Künstlerin, die in den Bereichen Theater, Konzerte, Ausstellungen, Installationen, Film und Live-Events arbeitet. Mit einem M.F.A. in Lighting Design von derTaipei National University of the Arts versteht sie Licht nicht nur als technische Disziplin, sondern als künstlerische Sprache mit der Fähigkeit, Wahrnehmung neu zu rahmen und zum Nachdenken anzuregen. Ihre Arbeit geht über konventionelles Design hinaus: Joanne ist selbst auf der Bühne aufgetreten und hat improvisierten Tanz mit Live-Beleuchtung verschmolzen, um die Grenzen zwischen Performer und Designer, Präsenz und Beleuchtung zu erforschen. Dies ermöglicht ihr, Licht als aktiven Akteur zu betrachten, statt nur als Hintergrundelement. Für Joanne ist Licht niemals neutral. Es ist eine Kraft, die Räume formt, Verhalten verändert und Schichten der Realität enthüllt oder verbirgt. Sie behandelt jedes Projekt als Experiment, wie Licht mit menschlicher Erfahrung interagiert, und weigert sich, es nur auf Dekoration oder Funktion zu reduzieren. Ihr fortlaufendes Ziel ist es, zu erforschen, wie Licht nicht nur Umgebungen transformieren, sondern auch das Publikum dazu einladen kann, seine eigene Beziehung zur Gesellschaft und zueinander neu zu überdenken.

(c) Damur

Damur Huang

Aufgewachsen in Taipeh, Taiwan, entdeckte Huang schon früh seine Leidenschaft für Mode – ein Einfluss, der die starke Präsenz asiatischer Popkultur in seinen Designs erklärt. Er studierte Textilien und Bekleidung an der Fu Jen Catholic University, bevor er nach Europa zog, um seine Ausbildung an der Königlichen Akademie der Schönen Künste in Antwerpen und an La Cambre-Mode[s] in Brüssel fortzusetzen, wo er im Fachbereich Modedesign seinen Schwerpunkt setzte. 2015 gründete Huang das in Berlin ansässige Label #DAMUR, das seine Inspirationen aus der dynamischen Energie der asiatischen Popkultur und dem experimentellen Geist Berlins bezieht. Huang brilliert darin, die zentralen Elemente der Berliner Kultur zu dekonstruieren und in exzentrische, aber zugleich mühelos tragbare Kollektionen zu verwandeln. Derzeit präsentiert Huang seine 13. Kollektion und wurde mit dem Young Talents Award ausgezeichnet.

Im Gespräch mit Chen-Wei Lee und Zoltán Vakulya

(c) Andreas Etter

 

Welchen choreografischen Zugang wählt ihr zur Musik von John Luther Adams?

Die Musik entspringt tief im Inneren und überträgt sich auf den Körper, wie etwas, das aus seinem Kern in alle Richtungen strömt. Wenn wir an Musikalität im Tanz denken, ist es oft eine Landschaft. Become Ocean ist keine Landschaft, die sich sofort erschließt. Die intuitive Reaktion auf diese Musik wäre zu schweben, aufzusteigen und zu sinken. Für uns vermittelt sich aber in erster Linie ein Gefühl von Pulsation, das unmittelbar mit Bewegung verbunden ist – die Körper einzeln und als große Einheit, die in kleine Partikel zerfallen oder wie ein mächtiger Lungenzug gemeinsam atmen. Die hörbare Erfahrung, kombiniert mit unseren visuellen Vorstellungen, inspiriert die Choreografie stark: Wie wir den Raum nutzen, wie die einzelnen Tänzer:innen ihre Körper einsetzen. Wir sagen ihnen immer: Öffnen und Schließen. Diese Musik vermittelt eine solche Offenheit, aber sobald ein Instrument hervortritt, zoomst du automatisch hinein.

Wie verhalten sich Tanz und Musik zueinander?

Wir arbeiten mit einem Hauptakkord von Chaos und Ordnung. Im Prolog von Fanny Thollot etablieren wir eine Ordnung, um das Publikum und den Tanz zu „beruhigen“ – als Vorbereitung auf das Orchesterstück. Become Ocean ist wie ein großes Fest, aber sobald die Ordnung etabliert ist, haben wir Material, um diese wieder zu brechen. Das Chaos entsteht auch, weil wir es in der Musik hören. Man könnte meinen, es gäbe keine Ordnung – doch tatsächlich hat die Komposition eine klare Struktur: Alle sieben Minuten gibt es Auf- und Abwärtsbewegungen. Nach der Hälfte kehrt sich alles um. Wir folgen nicht exakt diesem Muster, lassen uns aber davon inspirieren. Die Choreografie arbeitet mit der Idee von Einheit, bricht diese jedoch immer wieder auf. Es gibt Passagen, in denen wir harmonisch mit der Musik verschmelzen. Dort surft der Tanz auf einer Welle. Demgegenüber suchen wir aber auch gezielt die Momente, in denen die Körper in die Musik eintauchen: Solos, die sehr tief gehen, oder der Gruppenkörper, der die akustische Erfahrung in seiner Monumentalität reflektiert.

Welches Erlebnis liefert der Raum für die Gesamtkomposition?

Der Raum von Yoko Seyama wird zu einem Teil der Gesamtbewegung. Innen- und Außenperspektive verschmelzen. Gleichzeitig befinden wir uns mitten im Geschehen. Klang und Bewegung gehen schon dadurch eine besondere Verbindung ein, dass das Orchester mit auf der Bühne ist. Über allem erstrahlt das Objekt. Wir beschreiben das Gesamtbild für uns im Sinne einer wandernden Wolke – sichtbar und doch flüchtig. So entstehen aus scheinbarem Chaos geordnete Muster. Dabei spielen wir mit dem Gedanken eines Kommens und Gehens; arbeiten mit Nähe und Ferne, wie beim Blick in den Himmel oder auf den Ozean: Die Weite bleibt, doch der Fokus verändert die Wahrnehmung. Das Lichtdesign von Joanne Shyue wird dabei zum vermittelnden Element. Es erzeugt eine eigene Bewegungsebene, öffnet und verschließt Räume, schafft Tiefe und lenkt den Blick. So entsteht ein Zusammenspiel von Klang, Körper und Bewegung, das kontemplative Bilder hervorbringt. Wir hoffen, dass diese eine Offenheit entfalten, um vom Publikum mit eigenen Assoziationen gefüllt zu werden.

 

Behind the scenes