Wenn Tanz zum Hörerlebnis wird – „Become Ocean“ in „Die deutsche Bühne“

Mit der Uraufführung von „Become Ocean“ hat das Hessisches Staatsballett einmal mehr seine künstlerische Handschrift zwischen musikalischer Sensibilität und choreografischer Präzision unter Beweis gestellt. Eine aktuelle Besprechung in Die Deutsche Bühne hebt insbesondere die besondere Wahrnehmungsqualität dieses Abends hervor.

Im Zentrum der Kritik steht die konsequente Entscheidung des Choreograf:innen-Duos Chen-Wei Lee und Zoltán Vakulya, den Abend nicht visuell, sondern akustisch beginnen zu lassen. Noch bevor sich der Bühnenraum öffnet, wird das Publikum in einen fein austarierten Klangraum geführt – eine Einladung zum Hören, die den Blick erst allmählich folgen lässt. Diese Verschiebung der Aufmerksamkeit beschreibt die Kritik als klug und wirkungsvoll, da sie das Publikum dazu zwingt, sich zunächst auf die Musik einzulassen.

Die Choreografie selbst versteht sich dabei weniger als Illustration denn als Übersetzung der vielfach ausgezeichneten Komposition von John Luther Adams. Bewegungen entstehen aus musikalischen Strömungen heraus, verdichten sich, lösen sich wieder – stets im Dialog mit dem Klang. Das Ensemble entwickelt daraus eine kollektive Dynamik, die weniger narrative als vielmehr atmosphärische Qualitäten entfaltet.

Besonders hervorgehoben wird in der Kritik die visuelle Gestaltung: Ein reflektierendes, über der Bühne schwebendes Objekt sowie das differenzierte Lichtdesign schaffen eine eigene, fast organische Bildwelt. Musik, Raum, Körper und Licht greifen ineinander und erzeugen eine dichte Wahrnehmungsebene, in der sich das Publikum zunehmend orientieren muss.

Gleichzeitig verschweigt die Kritik nicht die Herausforderung dieses Abends: „Become Ocean“ fordert Geduld. Seine langsamen Entwicklungen, die zyklische Struktur und der bewusste Verzicht auf eine klare Pointe können als anspruchsvoll empfunden werden. Doch gerade darin liegt laut Rezension die Qualität der Arbeit: Wer sich auf diese Form des Sehens und Hörens einlässt, erlebt einen konsequent durchkomponierten Tanzabend, der weniger auf Effekt als auf nachhaltige Wahrnehmung setzt.

So erscheint „Become Ocean“ als exemplarisch für die kuratorische Linie des Hessischen Staatsballetts: ein Tanzabend, der nicht auf schnelle Bilder zielt, sondern auf ein intensives Zusammenspiel von Zeit, Raum und Ensemble – und damit neue Perspektiven auf das Verhältnis von Musik und Bewegung eröffnet.

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