
Dramaturgentext von Lucas Herrmann
Cantos des international gefeierten polnischen Choreografen Maciej Kuźmiński ist ein zeitgenössisches Tanzstück, das sich mit den Absurditäten und der Vielschichtigkeit des menschlichen Daseins auseinandersetzt.
Musikalische Grundlage des Stücks ist Canto Ostinato („hartnäckiger Gesang“) des niederländischen Komponisten Simeon ten Holt. Die zwischen 1976 und 1979 entwickelte Komposition gilt als Meisterwerk des musikalischen Minimalismus und zeichnet sich durch wiederholende Muster, langsame Entwicklungen und hypnotische Strukturen aus. Canto Ostinato wird oft als eine der einflussreichsten Kompositionen der minimalen Musik des 20. Jahrhunderts gesehen und hat mit seiner einzigartigen Form Künstler:innen verschiedenster Genres inspiriert. Das Werk kann von zwei bis zwölf Instrumenten gespielt werden, und die Dauer hängt von der jeweiligen Aufführung ab. Obwohl die Musik im ersten Moment sehr ruhig und reduziert erscheint, entfaltet sie eine starke emotionale Wirkung, die sowohl meditativ als auch unerbittlich klingen kann. Bei Cantos spielen zwei Pianisten live auf der Bühne, die ebenfalls Teil der Inszenierung sind. Hierdurch entsteht ein unmittelbarer Austausch zwischen Klang und Bewegung.
Die Tänzer:innen erscheinen dabei wie Spielfiguren eines übergeordneten musikalischen Maschinisten, dessen Spiel – wenn einmal in Gang gesetzt – den Fortlauf des Geschehens antreibt. Es ließe sich von einem „Deus ex musica“ sprechen, der – in Anlehnung an den lateinischen Begriff aus der antiken Tragödie „Deus ex machina“ – das Auftauchen einer Gottheit unter Zuhilfenahme einer Bühnenmaschinerie, in diesem Fall der Musik bezeichnet. So entstehen Assoziationen wie das göttliche Einwirken, ein übergeordneter Schicksalsbegriff oder andere äußere Einflüsse auf die Geschicke des Menschen. Gleichzeitig offenbart das formalistische Geschehen den inneren Antrieb, der im Menschen als Teil der Schöpfung selbst angelegt ist und im Sinne des „élan vital“ („Lebensschwungs“) nach dem französischen Philosophen Henri Bergson allen Lebewesen und Dingen zugrunde liegt.
Ein weiteres zentrales Thema des Stücks ist das menschliche Narrentum, inspiriert von Francisco de Goyas geheimnisvollen Radier-Serien Los Proverbios („Die Sprichwörter“) und Los Disparates („Die Torheiten“). Entstanden zwischen 1815 und 1823, gelten diese als künstlerische Vorläufer des Surrealismus und thematisieren Macht, Religion, Gewalt und menschliche Fehler häufig unter Verwendung grotesker, absurder und irrationaler Szenen voller verzerrter Figuren, Masken sowie unheimlicher Bilder. Cantos entwickelt daraus eine eigene, ganz neue Bühnensprache. Es gibt keine lineare Geschichte, sondern eine tableauartige Reihe atmosphärischer Szenen, in denen Bewegung, Musik und Kostüme auf emotionale Weise miteinander verwoben sind.
Den Bühnenraum bevölkern Figuren, die sowohl menschliche als auch tierische oder fantastische Elemente enthalten. Es geht bei dem Ausstattungsdesign von Gabriela Neubauer um archetypische Bilder, die innere Zustände und seelische Extreme sichtbar machen. Ein wichtiges Thema der Inszenierung ist dabei die triebhafte, tierische Seite des Menschen. In Goyas Bildern tauchen immer wieder Menschen auf, die tierische Züge tragen oder sich wie Tiere verhalten. Diese Idee wird in Cantos weitergeführt: Masken, Verfremdungen und animalische Bewegungsformen zeigen, wie nah der Mensch immer noch seinen ureigenen Instinkten ist. Die Bühne wird dabei zu einem Ort, an dem sich das Innere nach außen kehrt: ein Spiegelkabinett menschlicher Abgründe und Sehnsüchte.
In seiner grotesken und tanztheatralen Form stellt Cantos in der konzeptuellen Entwicklung Maciej Kuźmińskis und seines Dramaturgen Paul Bargetto auch einen Kommentar auf die gegenwärtige Weltlage dar, die gezeichnet durch Kriege, die Hektik des zunehmend technologisch bestimmten Alltags oder die Rückkehr autokratischer Systeme immer mehr wie ein Tollhaus anmutet. Doch am Ende hat sich die Welt vielleicht gar nicht so sehr verändert und das Narrentum erscheint als ständiger Wiedergänger der menschlichen Existenz durch alle Zeiten und Epochen hindurch.

Wie würdest du die Welt von Cantos beschreiben und welche Themen behandelt das Stück?
Die Welt von Cantos ist eine Musikbox: Angetrieben von äußeren Kräften dreht sie sich unaufhörlich weiter, von den Mechanismen der Zivilisation über die menschliche DNA bis zu tierischen Instinkten, und erzeugt so eine beschleunigte, dynamische Realität. Das Stück beschäftigt sich mit drei philosophischen Ansätzen: dem „élan vital“ nach Henri Bergson, der die Komplexität von Welt und Natur als ständige Bewegung im Zusammenspiel von Chaos und Struktur beschreibt; dem Motiv der ewigen Wiederkunft bei Friedrich Nietzsche, das wiederkehrende Muster im persönlichen Leben reflektiert und dazu auffordert, das Unvermeidliche zu umarmen; sowie einem Schicksalsbegriff, der sich im Rad der Geschichte ausdrückt und den Menschen als Teil zyklischer Abläufe erlebt, die zugleich eine Form von Entmachtung darstellen.
Du choreografierst zur Musik Canto Ostinato von Simeon ten Holt. In welchem Verhältnis steht diese zum Tanz?
Diese meisterhafte Musik ist so komplex und reich, dass sie einen geradezu verschlingt – sie frisst dich bei lebendigem Leib. Sie rahmt die Choreografie der Körper, definiert deren Dynamik, das Momentum der Inszenierung und deren Farbe. Sie ist chaotisch und dennoch strukturiert. Der „élan vital“ kommt hier besonders zum Tragen: Die Musik symbolisiert für mich diesen Lebensschwung. Tanz und Musik existieren dabei auf derselben Ebene. Die Arbeit mit den Tänzer:innen eröffnet eine Vielzahl an Bewegungssprachen – ein Kaleidoskop. Vieles ergibt sich unmittelbar aus dem entstandenen Material: Scores, Formationen und fragmentierte, multidimensionale Prozesse. Gleichzeitig geht es darum, im Kleinstmaßstab choreografischer Strukturen zu arbeiten – das Maximum im Minimum zu finden.
Wie würdest du deine Rolle als Choreograf im kreativen Prozess beschreiben?
Als Choreograf baue ich mit den Künstler:innen, mit denen ich arbeite, ein kreatives Netzwerk auf – und stelle mich selbst in dessen Zentrum. Ich begreife mich als Mittelpunkt dieses Gefüges. Die Impulse kommen aus vielen Richtungen, und Anpassungen meiner eigenen Ideen entstehen durch Rückmeldungen. Ich gebe allen kreativen Raum, die Möglichkeit, sich einzubringen, und ich höre auf ihr Feedback – von den Tänzer:innen, dem Team, besonders meinem Dramaturgen Paul Bargetto und der Designerin Gabriela Neubauer, ebenso wie von Menschen, die den kreativen Prozess begleiten. Entscheidend ist jedoch, dass alles durch einen inneren Filter gehen muss, um der eigenen Stimme treu zu bleiben. Bislang habe ich immer versucht, ein neues, originelles Werk zu schaffen – anders als alle vorherigen. Es geht darum, Wiederholungen zu vermeiden und durch Bewegung eine ganz eigene Welt zu erschaffen – sowohl dramaturgisch als auch ästhetisch. Doch das ist nur möglich, wenn man ein engagiertes und unterstützendes Team hat, mit dem zu arbeiten für mich hier in Wiesbaden eine große Ehre war.

Geboren 1985 in Polen, wurde Maciej Kuźmiński Zeuge zweier bedeutender Umbrüche – dem globalen Übergang von der analogen zur digitalen Welt sowie Polens Transformation von einem kommunistischen zu einem demokratischen Staat. Als „Kind einer sich wandelnden Welt“ erforscht Kuźmiński in seinen choreografischen Arbeiten Themen wie flüssige Identität, das Absolute in der Spiritualität und das menschliche Bedürfnis nach Zugehörigkeit. Seine tief existenziellen und philosophischen Werke gelten als zeitgenössische Fortführung der polnischen Tradition des dramatischen Theaters.
Mit über 30 internationalen Auszeichnungen bilden Kuźmińskis freie Produktionen das Repertoire der Maciej Kuźmiński Company. Als Gastchoreograf schuf er abendfüllende Werke für renommierte Kompanien wie das Staatstheater Kassel, das Polnische Tanztheater und das Landestheater Linz, sowie zahlreiche kürzere Stücke u. a. für das Scapino Ballet Rotterdam und das Theater Osnabrück. Seit 2014 tourte er durch 23 Länder und erhielt Anerkennung für seine klare, kraftvolle und dynamische Bewegungssprache.
Seit 2009 entwickelt Kuźmiński die Methode Dynamic Phrasing – ein eigenes Konzept für Bewegung und Komposition. Es fördert eine Art „sanfte Kraft“, die sich aus der Schwerkraft speist, und erweitert das verkörperte Wissen von Tänzer:innen hin zu einem dynamischen Bewegungsspektrum. Die Methode wird an Hochschulen wie Codarts, ArtEZ oder PERA GAU, auf Festivals wie b12 und für Kompanien weltweit unterrichtet. Im Jahr 2022 wurde das internationale Zertifizierungsprogramm für Dynamic Phrasing-Lehrkräfte ins Leben gerufen. Heute lebt Kuźmiński in Rotterdam und ist als erster in Polen geborener Absolvent von Trinity Laban (London) sowie als Gründer und Leiter des ersten Polnischen Tanznetzwerks bekannt.

Geboren in Wien, studierte Gabriela Neubauer Szenografie an der Akademie der Bildenden Künste Wien bei Erich Wonder. Assistenzen am Burgtheater Wien u.a. bei Christoph Schlingensief, den Münchner Kammerspielen und dem Theater Neumarkt in Zürich. Seit 2011 ist sie als selbstständige Bühnen- und Kostümbildnerin tätig. Ihre ersten Arbeiten entstanden am Theater Neumarkt u.a. mit Anna Papst, Jens Rachut und Robert Gerloff. Es folgte eine kontinuierliche Zusammenarbeit mit Robert Gerloff am Schauspielhaus Basel, Theater Bonn, Stadttheater Klagenfurt, Volkstheater Wien und am Düsseldorfer Schauspielhaus. Mit Eva Lange entstanden gemeinsame Arbeiten u.a. am Schauspielhaus Chemnitz, an der Landesbühne Niedersachsen Nord, am Staatstheater Kassel und dem Hessischen Landestheater Marburg. Mit Dominik von Gunthen arbeitete sie am Theater Biel/Solothurn und dem Pfalztheater Kaiserslautern. Mit Elena Hackbarth entstanden viele gemeinsame Arbeiten am jungen Theater Regensburg. Weitere Ausstattungen am Staatstheater Braunschweig, Stadttheater Bremerhaven, dem E.T.A Hoffmann Theater Bamberg, am Theater Phönix in Linz sowie mit Sophie Killer am Theater Paderborn. Im Bereich Tanz arbeitete sie mit Maciej Kuźmiński am Landestheater Linz, mit den Choreografinnen Anat Oz und Kristel van Issum, mit Noa Zuk und Ohad Fishof am Staatstheater Kassel Sowie mit Eva-Maria Schaller am Tanzquartier in Wien. Neubauer lebt und arbeitet in Linz.

Paul Bargetto (geboren 1969 in San Jose, USA) ist ein international tätiger Theaterregisseur, Dramaturg, Festivalproduzent, Lehrer und Kunstaktivist mit Sitz in Warschau, Polen. Er ist Präsident und Gründer der Fundacja Teatru Trans-Atlantyk, einer gemeinnützigen Organisation, die sich der Produktion von Live- und digitalen Künsten durch zwei Initiativen widmet: Teatr Trans-Atlantyk, ein dokumentarisches Theaterensemble, und Eldorado Teatr, eine Plattform für digitale Live-Künste. Bargetto arbeitet zudem an Projekten außerhalb dieser Organisationen, insbesondere im Bereich Tanz, und seine Arbeiten wurden in ganz Europa gezeigt, darunter in Polen, Deutschland, Rumänien, Großbritannien, den Niederlanden, Österreich, Belgien, Frankreich, der Türkei und Litauen, sowie in zahlreichen Produktionen in den Vereinigten Staaten.
Bevor er nach Europa zog, lebte und arbeitete Bargetto in New York City, wo er die Theatercompagnie East River Commedia (1998–2010) gründete. Wichtige Produktionen mit East River Commedia umfassen Striptease und Out at Sea, Philosopher Fox und Serenade, The Magnificent Cuckold und A Couple of Poor, Polish-Speaking Romanians. Außerdem gründete und leitete er das undergroundzero Festival (2007–2014), ein Festival für experimentelle unabhängige Live-Künste, das in sechs Ausgaben an verschiedenen Spielstätten des East Village und der Lower East Side präsentiert wurde, darunter PS 122, Collective:Unconscious, Clemente Soto Velez und das Living Theatre. 2005 half Bargetto bei der Gründung der League of Independent Theater, einer Interessenvertretung für unabhängiges Theater in New York City, wo er fünf Jahre lang im Vorstand sowie als Managing Director of Public Affairs tätig war.
Bargettos künstlerische Praxis zeigt ein starkes Engagement für die Arbeit mit vielfältigen Gemeinschaften. Er hat Projekte entwickelt, die sich gezielt mit LGBTQ+-Repräsentation befassen, queere Themen und Identitäten im Theater erkunden und sich für Diversität und Inklusion einsetzen. Seit Beginn der umfassenden Invasion der Ukraine konzentriert er sich auf die Zusammenarbeit mit ukrainischem Theater und Tanz sowie auf zahlreiche humanitäre Initiativen. Außerdem schafft er Werke, die sich mit der Geschichte und Kultur jüdischer Gemeinschaften befassen, insbesondere mit dem Holocaust und dessen Auswirkungen auf die heutige Gesellschaft. Er ist Mitglied von Kultur Liga, einem Netzwerk jüdischer Künstler:innen in Polen.
Zu seinen jüngsten Regie- und Dramaturgiearbeiten gehören Album Karla Hockera und California mit Teatr Trans-Atlantyk, Plateau, Fabula Rasa und i, on the Verge of Humanity mit dem Choreografen Maciej Kuzminski sowie Historie Mówione, eine ortsspezifische performative Installation in Posen. Weitere Projekte umfassen Alphabet Cities, ein mehrjähriges Kunst- und Advocacy-Projekt für die LGBTQ-Community in Polen, sowie International Agency for Ukraine!, eine performative Installation mit ukrainischen und polnischen Künstler:innen im Rahmen des The_____Dream Festival mit dem House of Beautiful Business in Sintra, Portugal.
Derzeit tourt Bargetto mit Every Minute Motherland, einem dokumentarischen Tanzstück mit ukrainischen und polnischen Tänzer:innen und Choreograf Maciej Kuzminski, das sich mit dem Krieg in der Ukraine auseinandersetzt. Momentan arbeitet er neben Cantos an If I had a Gun, I’d take them all down, einem Stück des ukrainischen Dramatikers Piotr Armionowski in Zusammenarbeit mit dem Schauspieler Michael Rubenfeld.
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