4.8.25
Am 28. Juli 2025 wandte sich Bruno Heynderickx, Ballettdirektor des Hessischen Staatsballetts, mit einem offenen Brief an den Wiesbadener Kurier. Anlass war die öffentliche Debatte um die zukünftige Nutzung des ehemaligen Sportarena-/SportScheck-Gebäudes im Herzen Wiesbadens.
In seinem Schreiben stellt Bruno Heynderickx die Frage, warum dieser zentral gelegene und bislang ungenutzte Raum nicht zu einem Tanzhaus für ganz Hessen werden könnte – einem Ort, den es in dieser Form im Bundesland bislang nicht gibt.
Der Wiesbadener Kurier griff den offenen Brief auf und veröffentlichte einen Artikel, der die Debatte um die künftige Nutzung des Gebäudes erneut anregte. Mit diesem öffentlichen Impuls möchte das Hessische Staatsballett einen Anstoß geben, Tanz und Bewegung in Wiesbaden sichtbarer, zugänglicher und erlebbarer zu machen – für heute und für die kommenden Generationen.
Der Link zum Artikel: https://www.wiesbadener-kurier.de/lokales/wiesbaden/stadt-wiesbaden/debatte-um-die-sportarena-stadtmuseum-oder-tanzhaus-4847249
Ich schreibe als Reaktion auf mehrere Artikel, die in den vergangenen Monaten im Wiesbadener Kurier zur zukünftigen Nutzung des ehemaligen Kaufhaus Sportarena / SportScheck-Gebäudes im Herzen Wiesbadens erschienen sind.
Als Ballettdirektor des Hessischen Staatsballetts verfolge ich diese Entwicklungen mit großem Interesse und tiefer Verantwortung. Was wäre, wenn dieser Raum – so zentral gelegen und voller Potenzial – zu einem Tanz(proben)haus für Hessen würde? Es wäre ein echtes Unikum, denn im Gegensatz zu anderen Bundesländern existiert ein solcher, ausschließlich dem Tanz gewidmeter Ort in ganz Hessen bislang (noch) nicht.
Am 30. Juli werde ich die Präsentation von studentischen Projekten des Masterstudiengangs Architektur an der Hochschule RheinMain besuchen. Die Studierenden haben ein Semester lang daran gearbeitet, sich vorzustellen, wie das ehemalige Sportarena-Gebäude in ein professionelles und inklusives Zuhause für den Tanz verwandelt werden könnte. Auch wenn es sich dabei nicht um fertige Machbarkeitsstudien handelt, bin ich überzeugt, dass viele der Ideen visionär, inspirierend und ernsthaft beachtenswert sein werden.
Vor diesem Hintergrund frage ich mich, warum für ein neues Stadtmuseum bereits eine Machbarkeitsstudie beauftragt und vorgestellt wurde – während die Idee eines Tanzhauses bislang nicht die gleiche Aufmerksamkeit erfahren hat. Selbstverständlich verdienen Kunstwerke eine angemessene Bewahrung und Präsentation – doch was ist mit den Künstlerinnen und Künstlern selbst?
Derzeit proben unsere Tänzerinnen und Tänzer des Hessischen Staatsballetts bis zu acht Stunden täglich in den Kellerräumen des Theaters – ohne Tageslicht und ohne Fenster! Für die freie Tanzszene ist die Lage noch dramatischer, da sie kaum über geeignete, tanzspezifische Räume zum Proben und Produzieren verfügt. Weltklasse- Künstlerinnen und -Künstler arbeiten unter Bedingungen, die dem Anspruch einer Kulturstadt wie Wiesbaden nicht gerecht werden. Es ist an der Zeit, uns zu fragen: Was sagt es über unsere Werte aus, wenn unsere Kunst besser untergebracht ist als die Menschen, die sie schaffen??
Tanz ist eine universelle Sprache – sie existiert in jeder Kultur und wird gesprochen, bevor wir überhaupt sprechen lernen. Wir tanzen, um Freude, Schmerz, Neugier, Widerstand und Identität auszudrücken. Wir tanzen, um zu heilen und um Verbindung zu schaffen. Und manchmal einfach, um lebendig zu sein.
Stellen Sie sich nun ein Gebäude vor, das dieser Sprache gewidmet ist: ein Tanz(proben)haus – ein Zuhause für Bewegung, Ausdruck und Begegnung. Ein Ort, an dem Vielfalt nicht nur willkommen, sondern Grundlage ist. Ein Ort, an dem das Staatsballett neben freischaffenden Tänzer*innen, Choreografinnen und Choreografen probt. Ein Ort, an dem traditionelle Tänze gepflegt werden, während Hip-Hop, Waacking und zeitgenössische Formen nebeneinander gedeihen. Ein Ort mit professionellen Studios – und mit offenen Türen für alle, die diese Kunstform lieben. Ein Ort, der auch ein junges Publikum für die (Tanz)Kunst begeistern kann und neues Leben in die Innenstadt bringt. Eine Bühne für kleinere Aufführungen. Ein
Parkett für gesellschaftliche Tänze. Ein Zuhause für alle, die an die Kraft der Bewegung glauben.
Das ist nicht nur ein Traum – ich bin überzeugt, dass dies ein konkretes und dringendes kulturelles Bedürfnis ist. Und es ist eine Vision, der ich mich voll und ganz verpflichtet fühle. Mit der Unterstützung der Freunde des Hessischen Staatsballetts bin ich bereit, Zeit, Energie und Stimme zu investieren, um sie zu verwirklichen.
Das Sportarena-Gebäude steht leer – mitten im Herzen Wiesbadens. Das ist eine seltene und wertvolle Chance. Statt vorschnell eine vorgegebene Lösung zu verfolgen, sollten wir den Raum für mehr Ideen, mehr Visionen, mehr Möglichkeiten öffnen. Lassen Sie uns ganz bewusst eine Vielfalt von Konzepten – künstlerisch, kulturell, sozial – einladen und diese transparent, öffentlich und mit Mut zur Zukunft diskutieren. Nur so können wir eine fundierte Entscheidung treffen, welches Projekt am stärksten zur Neubelebung und Neudefinition unserer Innenstadt beiträgt.
Lassen Sie dies der Anfang sein
Bruno Heynderickx
Ballettdirektor, Hessisches Staatsballett
Wiesbaden, 28.07.2025
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