Premiere von Cantos: Ein hypnotischer Sog aus Klang, Körper und Maskenspiel

Mit frenetischem Applaus wurde am 5. Dezember 2025 im Kleinen Haus des Staatstheaters Wiesbaden die Uraufführung von Cantos, der neuen Arbeit des polnischen Choreografen Maciej Kuźmiński, gefeiert. Das Hessische Staatsballett präsentierte einen Abend, der Bewegung, Musik und Bildwelten zu einem atmosphärisch dichten Gesamterlebnis verwebt. Unterstützt wurde Kuźmiński dabei maßgeblich von Dramaturg Paul Bargetto, der bereits in früheren Arbeiten an der Schnittstelle zwischen Philosophie, Bildwelten und choreografischer Struktur mit ihm zusammengearbeitet hat.

Ausgangspunkt der Choreografie ist Simeon ten Holts legendäres minimalistisches Werk Canto Ostinato, das in Wiesbaden live von Waldemar Martynel und Igor Palmov interpretiert wurde. Die Musik schreibt keine feste Dauer oder Dynamik vor – eine Freiheit, die Kuźmiński und Bargetto in eine choreografische Sprache überführen, die zwischen Wiederkehr und Aufbruch, Impuls und Stockung, Trance und spielerischer Brechung oszilliert.

Die Bühne von Gabriela Neubauer, ein marmoriertes, fast surreal wirkendes Spielfeld, öffnet Assoziationsräume zwischen Versuchsanordnung, Menschenstudie und Traumlandschaft. Immer wieder treten Masken und überzeichnete Kostüme hinzu: überlange Krawatten, tierische Hybridwesen oder das Bild eines erschöpften Kollektivs. Sie verschieben Perspektiven und lassen die Frage aufscheinen, wer eigentlich handelt – Individuum, Gruppe oder reiner Reflex. Presseberichte betonen besonders die poetische Kraft dieser maskenhaften Figuren, die zwischen Humor, Ironie und existenzieller Symbolik changieren.

Kuźmiński entwickelt gemeinsam mit Bargetto eine präzise, kontrollierte Bewegungssprache, die sich aus Impulsen, Bodenarbeit und konstanten Verschiebungen speist. Immer wieder lösen sich einzelne Tänzer:innen aus dem Kollektiv, suchen Momente des Ausbruchs oder verfangen sich erneut im Rhythmus der Gruppe – ein Spannungsfeld, das Kritiker:innen als „tranceartig“, „gespenstisch schön“ und „fesselnd virtuos“ beschrieben.
Besonders eindrücklich ist die Vielfalt der Szenen, die von humorvoll-ironischen Einschüben bis zu beinahe mythischen Bildern reicht. Tiermasken treffen auf filigrane Formationen, groteske Miniaturen auf klar gesetzte Linien – ein choreografischer Kosmos, der unterschiedliche Lesarten zulässt und die Zuschauer:innen zunehmend in seinen Sog zieht. Auch die Presse hob diese Vielschichtigkeit hervor und würdigte sowohl die konzeptionelle Tiefe von Kuźmiński und Bargetto als auch die Präzision und Ausdauer des Ensembles.

Nach gut einer Stunde endet Cantos so abrupt, wie es begonnen hat: als würde eine perfekt kalibrierte Maschine plötzlich stillstehen – ein Moment, der im Zuschauerraum hörbar nachhallte.

Mit Cantos erweitert das Hessische Staatsballett sein Repertoire um ein Werk, das sich kraftvoll zwischen Philosophie, Groteske und hypnotischer Musikalität bewegt – ein Abend, der noch lange in Erinnerung bleibt.

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